vita

Weltbilder

Grenzland

Text Projekt Grenzland

Text " Wisse das Bild "

Bilder allgemein

Home

Wisse das Bild

oder

Von der Kunst als Aufforderung

 

"Wisse das Bild" ist der Titel des jüngsten Projektes von Lars Ulrich Schackenberg, vorgestellt 2013 im Kunstverein Linz am Rhein. Die Arbeit aus dem Jahr 2013 ist ein vielteiliger Zyklus, Mixed Media als Digitaldruck auf Acryl. Er ist dadurch strukturiert, dass alle Bilder zweimal zu sehen sind, einmal in der vom Künstler behandelten Version und zum zweiten Mal mit einer Spiegelung durch das Fenster, in der Fotografie von Thilo Beu. Schon diese Vorgabe verspricht die Aufforderung zu einem vertieften und vergleichenden Sehen. In der Tat ist der imperative Aufforderungscharakter dieser Bilder sehr stark und weit von demjenigen früherer Arbeiten des Künstlers entfernt.

Zusätzlich bindet der Künstler literarische Texte mit ein, die für das Lesen der Bilder von entscheidender Bedeutung sind. Die Arbeit ist sehr komplex. Das Gedicht von Friedrich Rückert (1788 – 1866): "Ich bin der Welt abhanden gekommen" reimt den Zusammenhang zwischen der Welt und dem Einzelnen, der mit ihr schon so viel Zeit verdorben hat; ein Hinweis auf das Denken des Künstlers, der seine eigene heutige Position in Bezug auf die Gesellschaft, sein Arbeitsfeld und vor allem in Bezug zu sich selbst formuliert. Er hat sich aus den soziopolitischen und utopischen Kämpfen herausgezogen. Er liest keine soziopolitischen Bücher mehr, keine Kunstgeschichten oder andere wissenschaftlichen Abhandlungen, er liest Science-Fiction - Romane auf der Suche nach einer anderen Welt, er liebt die Wahrheit der Märchen, weil diese vielleicht nicht die Realitäten verändern, aber sehr wohl mit ihren Wahrheiten in das Denken und Fühlen eines jeden Einzelnen eingreifen können. Auf diesem meditativen Weg sind die Arbeiten entstanden, die jetzt den Weg in die öffentliche Diskussion finden und dadurch nicht Anteilnahme, aber sehr wohl ein Mitdenken des Betrachters und sein sich selbst Befragen erfordern.

Der Zyklustitel steht in den 'Sonetten an Orpheus' von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926), die der Dichter 1922 als Grabmal für Wera Ouckama Knoop in Chateau de Muzot im schweizerischen Rhônetal schrieb. Im neunten Sonett heißt es: "Mag auch die Spiegelung im Teich/ oft uns verschwimmen:/ Wisse das Bild." Mit dieser Vorgabe begibt sich Schnackenberg auf seine Bildspuren, die sich mit der Vergangenheit seiner früheren Bilder und Ausstellungen in Beziehung setzen. Dazu dient ihm ein unendlich großes Reservoir an Erinnerungen, sowohl eigenen, als auch in den Ordnern seiner Computer und den Schätzen der Fernseharchive. Für jede persönliche Erinnerung findet er das passende Bild, das bearbeitet also hin zur richtigen Erinnerung manipuliert wird, um im Bild eine neue Verantwortung zu tragen, die sich als Bild gedanklich festgesetzt hat und nun durch die Spiegelung 'verundeutlicht' und leicht verzerrt wird und als noch mühsamer abzulesen eine neues dialogisches Leben beginnt, das im rationalen wie emotionalen Gespräch der beiden Partner die eigentlichen mentalen Aussagen eruiert.

Bei Rilke heißt es im textlichen Anschluss weiter: "Erst im Doppelbereich/ werden die Stimmen/ ewig und mild." Dieser Doppelbereich ist immer für Künstler, die nicht einem starren Konzept folgen, ein darstellendes Ereignis, es ist die 'Parallelaktion', von der Robert Musil (1880 – 1942) in 'Der Mann ohne Eigenschaften' 1930 spricht. Eine Parallelaktion zum Leben, die Erkenntnisse und Änderungen im Sinne einer berechtigten Wegweisung ermöglichen soll. Es ist die Suche nach dem 'alter ego' als dem wichtigsten Gesprächspartner im Leben. Es bedeutet aber auch Rückzug zu sich selbst. Heute müssen wir lernen, die Realität von den virtuellen Welten zu unterscheiden; wir, die wir schon nicht mehr wissen, wer uns mehr beeinflusst, die Wirklichkeit oder doch schon die virtuellen Realitäten, die die jüngsten Generationen mit Sicherheit stärker beeinflussen als die älteren Erziehungsberechtigten, die eine Verpflichtung tragen, ihre Kinder für die Zukunft flexibel und mit Phantasie resistent zu machen.

Auch davon spricht der Zyklus, so dass der Künstler doch wieder aus seiner erhofften Märchenwelt ausbricht, um den nach vorne zeigenden Weg einzuschlagen, allerdings ohne jeden pädagogischen Zeigefinger. Das Spielerische im Umgang mit den Bildern bleibt immer erhalten. "You can leave your hat on", singt Joe Cocker in einem Fernsehclip, der ebenfalls der Spiegelung unterzogen wird. Das "Weltbild Rolling Stones" zeigt an, wie das Fiebern nach der neuen Musik die Welt erobert hat und auch das Herz des damals jungen bildenden Künstlers.

Jede einzelne Arbeit mit ihrer Spiegelung zeigt das Denken des Künstlers auf, der zudem sehr frühe Skizzen aus seiner Hand des suchenden Künstlers in das neue Bildgeschehen integriert, wie bei "Weltbild Theater", bei dem ebenso wie in "Weltbild Vision" frühere Darstellungen mit den heutigen verwoben werden. Denn der Zyklus zeigt einen Werdegang auf, eine chronologische, wenn auch unlogische Wanderung durch das Leben. Doch der Rahmen ist so gesetzt, dass nie eine Illustration entstehen kann, sondern das freie Spiel erhalten bleibt und anregende Phantasie agieren kann. Das Eingangsbild mit dem Titel nach Rückerts erstem Satz " Ich bin der Welt abhanden gekommen" schlägt wie ein breites Panorama die Sicht auf den Gang durchs Leben auf. Links und rechts geht eine Rückenfigur mit über die Schultern gehängtem Mantel in das Bild hinein. Beide sind rechts und links von sich spiegelnder Architektur begrenzt, in der Mitte sehen wir Bildfelder mit Frauengesichtern. Darüber schiebt sich quer als Krönung des Bildes eine Welt aus Architektur und Natur, aus Gebautem und flüchtigen Wolkenformationen, alles metaphorische Angaben des Künstlers zur Darstellung unserer Welt, die auch als "Weltbild Extinktion" die Brüchigkeit von Frauenkopf und verwischten architektonischen Verhältnissen zeigen kann: Die Unsicherheit unser selbst gebauten Räume. Das erste Bild ist zudem die Wiederaufnahme und Veränderung einer Arbeit aus dem Jahr 2003, "Virtuelle Geschichten 4", Papier und Wachs auf Leinwand, fünfteilig, bei dem die einzelnen Motive viel realistischer herausgearbeitet sind (L.-U.Schnackenberg: Momente, Galerie Acht P! Pravato, Bonn, 2004, Kat. S.21). Mit den Weltbildern diskutiert der Künstler auch sein früheres Werk und seine Ausstellungen als work in progress. In diesem Katalog schreibe ich von einem "Realismus als kritische Methode" (S. 6 ). Martin Seidel erklärt: "Schnackenbergs Bilder sind keine diskursiven Abhandlungen, es sind visuelle Gedichte" (ebd., S. 26).

Die Verhältnisse verschieben sich. So verwundert es auch nicht, das in "Weltbild Theater" die Weltkarte nicht eine eurozentrische Darstellung ist, sondern in der Mittelachse Nord- und Südamerika zeigt, begleitet von obskuren, skurrilen luftmobilen Geräten, die etwas Tierisches an sich tragen und dennoch zum Reisen in die Welten der Phantasie ermuntern. Denn der Hintergrund aller Weltbilder ist eine Weltkarte, mehr oder weniger sichtbar, die wie aus einer Marmorierung nach vorne dringt, und durch die mögliche Zuordnung von Orten, Ländern, Kontinenten dem Betrachter viele zusätzliche Orientierungsoptionen bietet. Sie steht, (wisse das Bild!), für das Bild der Orte mit ihren jeweiligen Verhältnissen, womit der Künstler die jeweiligen unterschiedlichen Fragen des kulturellen Kontextes, der gesellschaftlichen und politischen Bedingungen aufgreift.

Der Künstler, der Bildhauerei studiert und gelehrt hat, formt jetzt nicht mehr einzelne Werkstücke, sondern setzt seinen Weg, der vor gut anderthalb Jahrzehnten begonnen hat, in die medialen Abenteuer konsequent fort. Der Besucher fährt in eine wahrhaft vielschichtige Welt ein. Die Bilder sind in der Montagetechnik perfekt in einem langen, suchenden Prozess komponiert. Sie sind Arrangements, die den Betrachter unmittelbar in ihren Bann ziehen, zumal er sich in den spiegelnden Oberflächen der Bilder selbst sieht und somit unmittelbar einbezogen wird. Das Prinzip Spiegelung ist ein unendliches, eine Erkenntnis, die damit spielt, dass ein Bild Räume bestimmt und gleichzeitig von ihnen bestimmt wird, das ein Bild durch Spiegelungen zusätzliche Informationen aufnehmen kann, und zwar nicht nur durch Spiegelungen sondern auch durch die Gespräche, die es anleitet. Ein Bild ist nie fertig, aber nur dann von hoher Qualität, wenn es Dialoge initiieren kann, von denen der Künstler, bevor er das Bild an die Öffentlichkeit weitergibt, nichts wissen kann. Die Bilder von Schnackenberg werden dieser Aufladung durch diese außerbildlichen Vorgänge in hohem Maße gerecht. Das zeigt auf, dass der Aufforderungs-Charakter ein elementarer Bestandteil der Bilder ist, mit denen allerdings letztlich der Künstler sich selbst spiegelt.

Spiegelung ist immer auch die Erweiterung des Raumes und der Sicht. Sie erlaubt eine andere Distanzierung. In seinen philosophischen Beschäftigungen mit der Kunst in den Berliner Simmel-Vorlesungen denkt der Philosoph Dieter Henrich über diese Distanz nach: "Ist doch die Distanz, die sich kraft der ästhetischen Betrachtung aufbaut, aus einer Umbildung ebendieser Weltbeziehung zu erklären." ( D. Henrich, Versuch über Kunst und Leben, Edition Akzente, München 2001, S.211) und "Von der Verschiebung der Perspektive auf die Welt und in der Ambivalenz, die sich zwischen mehreren solchen Perspektiven ausbilden kann, ist immer zugleich das Subjekt als solches betroffen. Sein Ursprung ist ihm entzogen. Und eine Bewandtnis seines Lebens kann sich ihm nur durch eine bestimmte Besetzung des für es offenen Deutungsraumes erschließen." (ibd., S. 213). Die Methode des kritischen Realismus erschließt wie beim dialektischen Theater von Bertold Brecht (1898 – 1950) automatisch eine Distanz zum Vorgebrachten und das Mitdenken des Theaterbesuchers mit ein.

'Wisse das Bild' befindet sich in guter Gesellschaft und ist dennoch so neu und so anders, weil der Künstler in einem mentalen abstrahierenden Vorgang auf jeden illustrierenden Charakter seiner Bilderfindungen verzichtet. Dieses Streben nach virtuellen Lebensrändern zeigt "Delpasse-Effekt". Der Delpasse-Effekt benennt die neurologischen Untersuchungen an dem Unbegreiflichen, die Theorie des Seins an der Schwelle des Todes. Schnackenberg erzählt nicht von einer wissenschaftlichen Kartierung der Welt, von ihrer Bestandsaufnahme oder Vermessung, sondern von einer Welt, in der sich die Menschen in ihrer Endlichkeit die Realität mit ihren Träumen und Märchen teilen müssen.

Dieter Ronte

Bonn, Juni 2014